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Ada Cole

Ada Cole - Tierschützerin und Widerständlerin

Als Frauen noch um ihre eigenen Rechte kämpfen mussten, beispielsweise nicht wählen durften
und Männern per Gesetz Untertan waren, engagierten sich viele für jene, die der Willkür anderer
noch mehr ausgeliefert waren. Während wir jedoch inzwischen vor dem Gesetz Männern gleichgestellt sind,
hat sich an der Lage der Tiere leider nicht allzu viel geändert. Die Anliegen, denen sich Frauen vor 100 Jahren
so vehement widmeten, sind heute immer noch aktuell. Freilich oft auf andere Weise als einst: so müsste
die Britin Anna Sewell (1820 - 1878) nicht mehr auf das harte Los tausender Kutschpferde in einer Großstadt
wie London aufmerksam machen. Sie veröffentlichte 1877 den Roman "Black Beauty, seine Reitknechte und
Freunde, die Autobiografie eines Pferdes, aus dem Pferdischen übersetzt von Anna Sewell".

Das Buch, an dem sie die letzten Jahre ihres Lebens arbeitete, richtete sich eigentlich nicht an Kinder,
sondern an Menschen, die tagtäglich mit Pferden zu tun hatten. Sewell war überzeugt, dass Tiere oft nicht
aus bewußter Grausamkeit, sondern aus Unwissen und aus Not der Menschen mißhandelt wurden. Sie stellt
anhand des fiktiven Pferdes Black Beauty einen allzu oft real stattfindenden Abstieg von Pferden dar.
Sie wuchsen unter guten Bedingungen auf, gingen dann aber von Hand zu Hand und hatten immer ärmere
Besitzer, die sie immer stärker ausbeuteten. Während das Romanpferd schließlich doch gerettet wurde,
endeten die meisten anderen Pferde beim Schlachter. Sewell war mit ihren Bemühungen nicht allein,
da im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Bedingungen für Arbeitspferde durchaus Thema von Literatur
und Zeitungsartikeln waren.

Außerdem gab es Organisationen wie die Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals. Die Autorin
kannte die Lebensumstände der vielen Pferde in London sehr gut und kämpfte auch gegen den Einsatz eines
zusätzlichen Zügels, der den Kopf der Pferde hochriß, den sie zum Ausbalancieren der schweren zu ziehenden
Lasten senken mussten. Für die Gemeindeschwester Ada Cole (1860 - 1930) war ein Besuch bei ihrer Schwester
in Antwerpen im Jahr 1911 ein Schlüsselerlebnis: sie sah, wie Schlachtpferdetransporte an den Docks ankamen,
die Pferde stolperten, stürzten, weitergetrieben wurden, kaum mehr gehen konnten und verletzt waren.
Ihre Schwester Louisa stand als Mutter Catherine Mary einem Nonnenkloster vor und wollte zuerst nichts von
einem Engagement für "seelenlose" Wesen, die Menschen zu dienen haben, wissen.

                                

                   
     Solche Szenen gibt es auch heute noch - beispielsweise bei Schlachttransporten nach Italien !


Ada Cole fand jedoch bald einen Mitstreiter im belgischen Tierschützer Jules Ruhl, der sie mit dem
Fotografen und Filmer Jean Pathé Frère und dem Zeichner Kurt Peiser bekanntmachte. Damals war
Fotografie als journalistische Dokumentation noch relativ neu und Kameras waren dementsprechend
unhandlich. Somit wurden Coles erste Aufnahmen vom Grauen auf den Docks - mit großem Stativ,
daher auch sehr auffällig - eher verschwommen. Doch sie wurde geübter und konnte auch den Zorn
der Arbeiter auf sich ziehen, während Frére ungestört seine Filmaufnahmen machte. Gänzlich unbehelligt
trieb sich der Zeichner Peiser auf den Docks herum, der von einem Film Frères von der guten Sache
überzeugt wurde. Daheim in England hielt Ada Cole Vorträge und ließ Plakate drucken, auf denen Fotos
vom Leid der Pferde sprachen - damals waren Aufnahmen auf Plakaten noch eher ungewöhnlich. Cole war
dann auch eine der ersten, die gemeinsam mit ihrer Assistentin Rundschreiben selbst verfielfältigte, was die
Verbreitung und auch den Spendenfluß steigerte.

Als Realistin war ihr klar, dass sie ihren eigentlichen Traum von einem Altersheim für Pferde noch so einfach
würde umsetzen können. Doch mußte es möglich sein, für eine Schlachtung der Pferde vor der Verschiffung
nach Belgien zu sorgen. Als menschliches Wesen ohne Wahlrecht trat sie für Gesetzesänderungen in England
ein, während sie in Belgien für die Verwendung des Bolzenschußapparats zur Schlachtung eintrat und natürlich
für eine sanfte Behandlung der Tiere, für ihre Fütterung und Tränkung nach der Ankunft im Hafen. Weil weißes
Fleisch bei den Kunden so beliebt war, ließen die belgischen Metzger die Pferde nämlich langsam ausbluten,
statt sie rasch per Bolzen zu töten. Im Grunde waren damals Tierschutzorganisationen mit den gleichen Fragen
wie heute befaßt: so wurde gegen Tierversuche gekämpft und dagegen, dass Medizinstudenten an lebenden,
nicht betäubten Tieren Operationstechniken lernten.

Die Bilder von den Schlachtpferdetransporten erinnern an gegenwärtige Filmaufnahmen etwa des Deutschen
Manfred Karremann, der das Leid von durch Europa reisendem Schlachtvieh dokumentiert hat. Damals wie heute
schmälern alle Maßnahmen, die den Tieren zugute kommen, den zu erwartenden Profit. Wer meint, wir hätten
heute nicht so viele "überflüssige" Pferde wie zu Beginn des 20.Jahrhunderts, als Maschinen sie vielfach ersetzten,
sei auf die Transporte aus Polen oder Südamerika verwiesen. Außerdem wird wie bei Rindern auch bei Pferden die
Produktion von Nachwuchs für den Metzger subventioniert. Dies ist beispielsweise der Weg vieler Haflinger- und
Norikerfohlen, welche die Touristen im Sommer ganz herzig finden. Ada Cole lebte aber in einer Welt, wo Tieren
nicht einmal Gefühle zugebilligt wurden, sich jene dem Spott aussetzten, die bereits eine andere Haltung hatten.
Ähnlich wie den Suffragetten, mit denen sie sympathisierte, wurde auch ihr unterstellt, die Dinge einfach zu
emotional anzugehen, nicht rational genug zu sein.


hier finden alte Pferde Ruhe und Frieden

Sie konterte, indem sie auf jene Herren Journalisten hinwies, die grün im Gesicht wurden, wenn sie einen
Schlachthof besichtigten. Cole hingegen hielt alles aus, weil sie es aushalte musste. Während des Ersten
Weltkrieges kamen die Transporte zum Erliegen, da Belgien von  den Deutschen besetzt war, mit denen
England Krieg führte. Während ihre Schwester Untergrund-Zeitungen verteilte, organisierte Ada, die in
einem Lazarett arbeitete, die Flucht von Verwundeten, um ihnen die deutschen Lager zu ersparen. Wenige
Monate vor Kriegsende wurden Ada und Catherine Mary verhaftet, blieben jedoch beide angesichts der
eingehenden getrennten Verhöre schweigsam. Immerhin hatten sie das Schicksal von Edith Clavell vor Augen,
die als britische Krankenschwester auf ähnliche Weise gegen die Deutschen gearbeitet hatte. Sie wurde verhaftet
und kurze Zeit später als vermeintliche Spionin erschossen. Nach Kriegsende kehrte Ada nach England zurück,
das bald wieder Schlachtpferde nach Belgien ausführte. Sie erhoffte sich durch das Frauenstimmrecht Ansprechpartnerinnen in der Politik.

Freilich war es nicht leicht, Regelungen zu finden, die nicht umgangen werden konnten. Die ältere
Idee einer Steuer auf jedes ausgeführte Schlachtpferd, so dass der Export unrentabel wurde, ließ sich
auch weiterhin (zu Coles Lebzeiten) nicht durchsetzen. Schließlich gab es Inspektoren der Regierung,
welche die Bedingungen an Bord der Schiffe nach Belgien prüften, und die freilich alles in bester Ordnung
vorfanden. Für Ada Cole empörend, wie man sich so hinters Licht führen lassen kann, doch unangemeldete
Kontrollen waren Sache der Politik nicht. Bei Vorträgen, die stets sehr gut besucht waren, sprach sie über
ihre "Wünsche" nach einer Welt, in der Menschen die Pferde, die ihnen gedient haben, eines natürlichen
Todes sterben lassen. Von daher müsste sie um Geld für ein Pferde-Altersheim bitten. Doch sei sie Realistin
und möchte daher eine Art Muster-Schlachthof schaffen, "in dem Pferde auf gnädige, schmerzlose Weise
getötet werden".

In ihrem letzten Jahrzent ihres Lebens war Ada Tierschutzinspektorin der RSPCA, was freilich nicht ohne Konflikte
ablief, da sie beispielsweise belgische Schlachthöfe mit Voranmeldung überprüfen sollte. Dennoch, besser
sie macht es als ein ansonsten entsandter ahnungsloser Mann, und ihre Freunde in Belgien konnten sich darum bemühen, die Vorwarnzeiten möglichst gering zu halten. Damit die britische Regierung ihren Bericht anerkennt,
mußte sie Zeugen mitnehmen, und da die Schlachthöfe erst kurz vorher informiert wurden, floss noch genug Blut
wegen Nichtverwendung der von England gespendeten Bolzenschussapparate. Gegnerschaft erwuchs Ada jedoch
auch im Parlament, wo ein Captain Robert Gee behauptete, die in einem Film von Frère sichtbaren Schlachter seien bezahlt worden: "Die Verbreitung solcher verlogener Filme, Reden, Plakate und unhaltbarer Behauptungen muss verboten werden! Die Verantwortlichen haben sich von den Spenden gutherziger und gutgläubiger Bürger lange
genug ein schönes Leben gemacht!"


Ada Cole

In Wahrheit gönnte sich Ada Cole nur ein kleines Zimmer und nahm erst sehr spät das Angebot an, von einer
jungen Frau (Sadie, später als Anne Colvin bekannt, die ihr Leben der ILPH widmete, in der nun ihr Sohn aktiv ist)
gegen Bezahlung ein wenig entlastet zu werden. Ada hatte als Folge ihrer Tätigkeit als Gemeindeschwester, wo sie
auch mit Tuberkulosekranken in Berührung kam, zeitlebens eine angeschlagene Gesundheit. Nach Gees Anschuldigungen sollte es ein Streitgespräch zwischen ihm und den TierschützerInnen geben, zu dem einige Zeitungen Reporter geschickt hatten. Wer nicht erschien, war jedoch Gee, und Ada Cole versuchte, die Journalisten von der Wahrhaftigkeit ihrer Position zu überzeugen. Gee, der wegen Verleumdung geklagt wurde, blieb zwei Jahre lang verschwunden, bis ihn Reporter in Australien aufspürten, so dass er vor Gericht erscheinen mußte. Ada trennte sich schließlich von der RSPCA und gründete die International League against the Export of Horses for Butchery, und auch damit war sie gefragte Vortragende.

Erst nach ihrem Tod wurde 1937 das Ausfuhrgesetz für Pferde zum Schutz der Schlachtpferde geändert. Bereits 1932
verwirklichte aber die Herzogin von Hamilton Adas Traum von einem Altersheim für Pferde. Heute kommt uns ein wenig
seltsam vor, dass die Schlachtpferde nicht zumindest teilweise freigekauft wurden oder dass nicht zu allererste ein Pferde-Altersheim geschaffen wurde. Tatsächlich nahmen die TierschützerInnen jedoch an, sie könnten die alten und verbrauchten Pferde vielleicht noch ein paar Tage gut füttern und tränken, um sie dann schmerzlos zu töten. Es stellte sich aber heraus, dass sich diese Pferde oft sehr gut aufpäppeln lassen, und damals wie heute werden die meisten von ihnen in gute Hände "ausgeliehen", früher vor allem als Zugpferde, heute zwecks Freizeitgestaltung.

Adas Liga heißt nun International League for the Protection of Horses (Präsidentin: Prinzessin Anne) und ist mit 90.000 Mitgliedern weltweit die größte Pferdeschutzorganisation. Nach wie vor sind Schlachtpferde ein Schwerpunkt, es gibt aber auch individuelle Hilfe für alte und misshandelte Pferde und Entwicklungshilfeprojekte. Die ILPH hat ebenso wie die Ada Cole Rescue Stables mehrere Farmen, auf denen Pferde gesundgepflegt werden. Die meisten werden weitervermittelt und machen bei ihren glücklichen neuen "Besitzern" manchmal sogar Karriere im Sport. In vielem ähnlich agieren die von Dorothy Brooke gegründeten Pferdespitäler, wobei hier jedoch kein Pferd einem Eigentümer weggenommen wird. Dies erklärt sich aus der Geschichte der Organisation und den Schwerpunkten. Im Todesjahr Ada Coles hatte Dorothy Brooke ihr Schlüsselerlebnis in Kairo, wo ihr tausende ehemalige Kavalleriepferde als
abgemagerte Arbeitspferde auf den Straßen der Stadt begegneten.


Dorothy Brooke

Viele dieser Pferde dienten im Ersten Weltkrieg und wurden dann von der britischen Armee verkauft. Zurück in der Heimat berichtete Brooke in Medien vom Leid dieser Pferde, was enormes Echo hervorrief. Mit Spenden, die heutigen 20.000 Pfund entsprechen, konnte Brooke mit Aktivitäten beginnen, wozu der Kauf von 5.000 dieser armen Tiere gehörte. Freilich mussten die meisten von ihnen eingeschläfert werden. 1934 gründete Brooke dann das 'Old War Horse Memorial Hospital' in Kairo, das Pferden und Eseln freie medizinische Behandlung anbot. Heute gibt es Kliniken an mehreren Orten der Welt und mobile Einsatzteams, die sich jährlich um eine halbe Million Pferde und Esel kümmern. Sie machen die Erfahrung, dass Pferde und Esel meist nicht bewußt schlecht behandelt werden, sondern dass Falschannahmen wie: wenn die Tiere bei Hitze arbeiten, ist tränken schädlich, von Generation zu Generation weitergegeben werden. Besonders setzt den Tieren nicht nur zu wenig Wasser zu, sondern auch kein Schatten und zusammengeflicktes Geschirr, das ständig Wunden verursacht (richtiges Ledergeschirr kostet Jahreseinkommen
armer Familien).

Die Ärzteteams erleben auch, dass sie die ersten sind, die etwa in Indien bereit sind, Esel überhaupt zu behandeln. Oder sie müssen sehen, dass Pferde Opfer bewaffneter Konflikte sind, halbverhungert aus Afghanistan nach Pakistan gebracht werden. In Pakistan wiederum wurden Pferde auf einer Rennbahn als Folge der politischen Spannungen zurückgelassen, da keine Rennen mehr stattfanden und niemand mehr Geld für Futter hatte. Ein Teil war verhungert, als Pferdeschützer zu Hilfe kommen konnten, doch sehr viele Tiere konnten gerettet werden. Die Philosophie der HelferInnen ist, dass es allen besser geht, wenn es den Pferden und Eseln besser geht, die entscheidend sind für den Lebensunterhalt armer Familien. So arbeitet auch die ILPH im internationalen Bereich, wenn etwa das Los der Pferde, die Karren auf die Mülldeponien von Mexiko City ziehen, erleichtert wird. Freilich gibt es keine Gegend der Erde, wo kein Eingreifen notwendig ist, wie die Beispiele der (nicht nur) in England geretteten Tiere zeigen. Halbverhungert von leer gefressenen Koppeln oder aus Ställen befreit, die die Pferde seit Jahren nicht mehr verlassen haben....